Retreat

Retreat – Rückzug

Heute erscheint uns der Begriff „Retreat“ als sehr modern und er ist gerade in aller Munde. Aber es gab schon immer dieses Bedürfnis, sich für eine bestimmte Zeit aus dem Tagesgeschehen zurückzuziehen.

In der heutigen Zeit sind es oft die Manager, die Vielbeschäftigten, die Gestressten, die bewusst einen Rückzug suchen. Hier bedeutet Rückzug vor allem, einmal nicht erreichbar zu sein.

Aus der Schülerzeit kennen wir vielleicht noch die Zeit der EXERZITIEN, manchmal EINKEHRTAGE genannt. Das hatte den Schwerpunkt der geistigen Übungen und war meist religiös geprägt.

Sehr gerne erinnere ich mich persönlich an diese Zeiten. Hierfür wurden meist eine Woche oder mindestens 4 Tage anberaumt. Und es war ein besonderer Ort, nämlich ein Benediktiner-Kloster. Wir hatten die Gelegenheit, in dieser Zeit am Klosterleben teilzuhaben. Die Mahlzeiten durften wir mit den Mönchen gemeinsam im Refektorium einnehmen. Der Schwerpunkt war sicher nicht das kulinarische Erlebnis des Essens. Das Geistige stand im Vordergrund. Schweigen während des Essens war ohnehin ein freiwilliges Gebot. Was ich persönlich beeindruckend fand war, dass einer der Mönche während der Mahlzeit einen Text vorlas. Das war sozusagen die geistige Nahrung.

Überhaupt gestalteten sich die Mahlzeiten als eine Art Meditation. Man übte schweigend Achtsamkeit. Es war wichtig zu erkennen, wann man z.B. jemandem das Brot reichen konnte. Die Achtsamkeit bezog sich auf das soziale Verhalten und bot gleichzeitig die Gelegenheit, sich selbst genauer zu beobachten, vielleicht sogar den Unwillen, die Ungeduld bei sich selbst zu erkennen. Aber die Übung der Stille war ein Werkzeug, um damit umzugehen, nämlich abwartend, nicht bewertend, eher neugierig und offen für das Neue und Unbekannte. Die Disziplin der Stilleübung war ein unbekanntes Territorium. Ich bin überzeugt, dass mich diese Erfahrungen in meinen frühen Jahren sehr geprägt haben. Und ich bin dankbar dafür.

Auch heute suchen wir oft die Gelegenheit für einen Rückzug, „Retreat“, vielleicht nicht mit dem Anspruch, während dieser Zeit nur zu schweigen. Schon ein Ortswechsel, ein ruhiger Ort, z.B. in den Bergen oder bewusst die Einfachheit einer Hütte ohne Komfort zu erleben, ist ein Weg zum Rückzug. Genau dieses Umfeld bietet uns die Gelegenheit, sich selbst neu wahrzunehmen.

Wenn ich heute persönlich ein Yoga-Retreat anbiete, dann fühle ich diesen Geist, der mitschwingt. Wir haben mit YOGA ein wunderbares Instrument an der Hand. Das sind die Körperübungen, genannt Asanas, und die Techniken des PRANYAMA, gemeint sind die Atemübungen und die Übungen der Meditation.

Im Rahmen des YOGA- Retreats nimmt die Praxis der Übungen einen festen Platz ein. Vormittags von 9:30-11:00 Uhr und am Nachmittag von 17:00-18:30 Uhr. Es ist wie ein Geschenk, sich ganz in das gegenwärtige Geschehen einlassen zu können. Die Zeit, die wir uns nehmen, ist ausschließlich dafür bestimmt.

Besonders im Parkschlösschen in Traben-Trarbach fanden wir die besten Bedingungen. Das Parkschlösschen ist ein 5-Sterne Ayurveda Hotel, mit einer besonderen, authentischen Philosophie. Es strahlt Ruhe aus und unterscheidet sich sehr in seinen Merkmalen von üblichen 5-Sterne Hotels. Wir haben an diesem Ort eine Gourmet-Küche der Ayurveda-Kunst erfahren dürfen, die ihresgleichen sucht. Eine große Dankbarkeit erfüllte uns gegenüber den Köchen, die mit soviel Hingabe ein Essen zubereiten. Ein Schweigen während der Mahlzeiten war gar nicht vorgesehen, jedoch stellte sich während des Essens eine Stille ein, die erfüllt war von Respekt und Dankbarkeit.

In diesem Rahmen konnten wir ganz neue Erfahrungen machen. Wir sind oft mit Gewohnheiten „verwachsen“. Wir glauben, dass uns etwas fehlt, wenn die Gewohnheiten nicht erfüllt werden.

Die täglichen Yogaübungen weisen schon darauf hin, „schau dir deine Gewohnheiten an, blicke achtsam auf den Moment des Geschehens.“ Und genau diese Bereitschaft und Offenheit lässt uns neue Erfahrungen machen. Wo ein Raum bereits gefüllt ist, findet nichts Neues mehr einen Platz. Die Übung lautet in diesem Sinne. „Suche die Stille, erfahre den Raum der Leere“.

Die Stunden zwischen Yogapraxis, Meditation, Massageanwendungen und Essen erfüllten alle Teilnehmer/Innen wie durch einen Zauber. Eine Heiterkeit und Freude breitete sich aus. Die Kunst der Unterscheidung stellte sich ein: „Was ist wirklich wichtig und von Bedeutung?“

Für einen kurzen Moment konnte man die wahren Werte des Lebens erblicken, wie ein Aufleuchten. Diesem Aufleuchten möchte ich persönlich weiterhin auf der Spur bleiben. Mal ist sie verwischt oder gar völlig im Dunkeln verschüttet, aber wissend, sie einmal entdeckt zu haben, macht Mut, dran zu bleiben.

Anikó Thesen-Marosváry

 

Bildquellennachweis: sianstock – fotolia.com